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Digitalstrategie9 min

Warum Sie nett zur KI sein sollten

Warum Sie nett zur KI sein sollten

Das Wichtigste

  • Eine Studie mit 1.261 Teilnehmenden zeigt, dass Personen Menschen härter bewerten, wenn sie vorher mit einer KI gesprochen haben
  • Kinder übertragen den Befehlston gegenüber Sprachassistenten auf Eltern und Geschwister, Cambridge hat das schon 2022 bestätigt
  • Höflichkeit kostet OpenAI laut Sam Altman zweistellige Millionen pro Jahr, und er findet das immer noch gut investiert
  • Ihr Tonfall mit der KI wird mit der Zeit zu Ihrem Standardton, und genau hier liegt die eigentliche Frage

«Es ist nur eine Maschine.» Diesen Satz hört man oft, wenn jemand seinen Chatbot anschreit, einen Korrekturwunsch in drei Worten reinhackt oder das Wort «danke» weglässt, weil es Tokens kostet. Technisch stimmt der Satz. Sozial stimmt er nicht, denn wie Sie mit Ihrer KI sprechen, formt auch, wie Sie mit Menschen sprechen, und die Forschung dazu ist inzwischen deutlicher, als den meisten lieb sein dürfte.

Wir trainieren uns einen neuen Tonfall an

Eine KI gibt nichts Soziales zurück. Werden Sie laut, wird sie nicht still. Werden Sie schroff, zieht sie sich nicht zurück. Sie liefert einfach. Unter Menschen gehört zu jedem Gespräch ein Stück Aushandeln: die kleinen Pausen, der Blickkontakt, das Gespür dafür, wann man jemandem zu viel zumutet. Bei einer KI fehlt dieser Rückkanal. Sie reden in einen leeren Raum, und der Raum tut, was Sie sagen. Effizient, und man gewöhnt es sich an, ohne es zu merken.

INSIGHT

Eine Untersuchung von Kian Siong Tey und Kollegen mit 1.261 Teilnehmenden, publiziert 2024, hat den sogenannten Spillover-Effekt belegt: Wer eine Aufgabe mit einer KI bearbeitete, beurteilte danach die kreative Arbeit eines anderen Menschen messbar härter, sowohl in öffentlichen wie privaten Bewertungen. Der Tonfall der KI-Interaktion war «mehr fordernd und instrumentell, mit weniger positivem Affekt», und dieser Tonfall blieb hängen.

Was die Forschung zeigt

  1. Der Spillover-Effekt: Bewertung von Menschen

    Die Tey-Studie konnte den gleichen Effekt in zwei vorregistrierten Experimenten replizieren. Personen, die kurz vorher mit einer KI gearbeitet hatten, bewerteten die Arbeit eines Menschen danach härter (Studie 1: t = 2,74, p = 0,003; Studie 2: t = 2,76, p = 0,006). Die Autoren sprechen von einer «schädlichen nachgelagerten Folge» der KI-Verbreitung. Im Klartext heisst das: Wenn Sie eine Stunde lang Prompts schreiben und dann ins Mitarbeitergespräch gehen, sind Sie nicht mehr derselbe Gesprächspartner, der Sie eine Stunde vorher waren.

  2. Verlust von Kooperation

    Eine zweite, 2024 publizierte Arbeit aus der Verhaltensforschung hat gezeigt, dass Interaktionen mit unkooperativen Bots die spätere Kooperationsbereitschaft gegenüber menschlichen Partnern senken. Umgekehrt hat die Interaktion mit fairen Bots (Tit-for-Tat) auch das kooperative Verhalten gegenüber Menschen verbessert. Eine Maschine ist also keine isolierte Trainingsumgebung, sie übt mit Ihnen jedes Mal etwas ein.

  3. Kinder und Sprachassistenten

    Eine Cambridge-Untersuchung aus dem Jahr 2022 hat dokumentiert, wie Kinder, die mit Alexa, Siri oder Google Assistant aufwachsen, ihren Befehlston gegenüber den Geräten auf Menschen übertragen. Wenn ein vierjähriges Kind tausendmal pro Jahr «Alexa, mach Musik an» sagt und sofort Musik bekommt, lernt es eine andere Pragmatik als ein Kind, das tausendmal «Mami, kannst du mir bitte Musik anmachen» fragen musste. Amazon hat darauf 2018 mit der Funktion «Magic Word» reagiert, die Höflichkeitsformen positiv quittiert. Die strukturelle Frage bleibt offen.

  4. Erosion der Empathie

    Sherry Turkle, Soziologin am MIT, beschreibt seit Jahren das Phänomen der «pretend empathy», also vorgespielter Empathie. Eine KI versteht Sie nicht, sie modelliert eine Antwort, die so klingt, als würde sie Sie verstehen. Turkle warnt, dass Menschen, die regelmässig Gespräche führen, in denen «niemand zu Hause» ist, die Mühe echter Empathie verlernen. Echte Empathie kostet Kraft, die KI-Variante kostet keine, und der bequemere Weg setzt sich mit der Zeit durch.

  5. Einsamkeit und Abhängigkeit

    Eine 2025 publizierte Längsschnittstudie von MIT Media Lab und OpenAI hat festgestellt, dass intensive ChatGPT-Nutzung über alle Modalitäten und Gesprächsarten hinweg mit höherer Einsamkeit, stärkerer emotionaler Abhängigkeit und niedrigerer Sozialisierung korreliert. Je mehr die Maschine zur Hauptgesprächspartnerin wird, desto weniger reden Sie mit echten Menschen, und genau das wäre das, was Übung braucht.

Die Gegenposition: «Unhöflich ist effizienter»

Wer ehrlich recherchiert, kommt an einem unbequemen Befund nicht vorbei. Eine Studie der Pennsylvania State University vom Oktober 2025 mit dem Titel «Mind Your Tone» hat 50 Fragen aus Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte in fünf Tonlagen umformuliert, von sehr höflich bis sehr unhöflich, und GPT-4o beantworten lassen. Die unhöflichen Prompts produzierten in 84,8 Prozent der Fälle die richtige Antwort, die sehr höflichen nur in 80,8 Prozent.

WICHTIG

Das spricht nicht gegen Höflichkeit. Es spricht dagegen, sich selbst die Höflichkeit als reines Effizienz-Feature zu verkaufen. Die vier Prozentpunkte mehr Genauigkeit bei einem GPT-Modell sind irrelevant gegen das, was Sie sich beim Anschreien angewöhnen. In einer KI-Sitzung programmieren Sie die Maschine, und nebenbei programmieren Sie sich selbst gleich mit.

Dazu kommt etwas, das oft untergeht: Ein höflich formulierter Prompt ist in der Praxis meistens auch der besser strukturierte. Er enthält Kontext, den Auftrag und das, was Sie erwarten. «Mach mal X» ist schlecht, weil die Spezifik fehlt, nicht wegen des Tons. «Kannst du mir bitte X erklären, weil ich Y brauche?» ist höflicher und präziser zugleich, und das eine zieht das andere nach sich.

BefehlstonKlarer, freundlicher Auftrag
Prompt-QualitätKnapp, oft vageSpezifisch, mit Kontext
Eigene SprachgewohnheitWird härter, ungeduldigerBleibt verhandelbar
Wirkung auf FolgegesprächeSpillover auf Menschen (Tey 2024)Tonfall bleibt konsistent
Vorbild für KinderÜbernehmen den BefehlstonLernen Frage-Antwort-Pragmatik
Kosten OpenAITokensparendZweistellige Mio. pro Jahr

Was das für die Praxis heisst

Ich schreibe das aus Entwicklersicht und nicht als moralische Predigt. Wer als Freelancer Websites und Software für KMU baut, hat täglich mit KI-Tools zu tun. ChatGPT, Claude, Gemini, Cursor, Copilot: Die meisten Entwicklerinnen führen jeden Tag dreistellige Mengen an Mikro-Gesprächen mit Maschinen. Wenn jede dieser Mikrointeraktionen den eigenen Sprachreflex eine Spur ungeduldiger macht, sieht das im Mitarbeitergespräch am Freitagnachmittag anders aus, als man sich am Montagmorgen vorgenommen hatte.

TIPP

Beobachten Sie sich eine Woche lang beim Prompten. Schreiben Sie «Mach» oder «Kannst du»? Sagen Sie der KI ein «Danke», wenn die Antwort gut war? Und wichtiger als beides: Wie reden Sie nach einer Stunde Promptarbeit mit Ihrer Familie oder Ihren Kunden? Sie müssen der Maschine dabei nicht schmeicheln. Sie wollen einfach nicht, dass Ihnen ein Tool Ihre eigenen Standards umerzieht, ohne dass Sie es merken.

Sam Altman hat im April 2025 öffentlich bestätigt, dass die «Bitte»- und «Danke»-Eingaben der ChatGPT-Nutzerschaft OpenAI zweistellige Millionenbeträge an Strom- und Rechenkosten verursacht haben. Sein Kommentar dazu: «Well spent.» Das ist die nüchterne Position eines Unternehmens, das die Kosten genau kennt und sie trotzdem für vertretbar hält. Wer sich diesen Pragmatismus zu eigen macht, hat KI-Workflows, die funktionieren, und einen Tonfall, den man vor dem Essen mit der Familie oder vor dem Kundentermin nicht erst wieder umstellen muss.

Häufige Fragen

Die KI selbst hat keine Gefühle, sie verarbeitet Ihren Ton statistisch und reagiert darauf. Höflich formulierte Prompts erzeugen in den meisten Modellen etwas strukturiertere Antworten. Eine Penn-State-Studie von 2025 hat allerdings gezeigt, dass extrem unhöfliche Prompts bei GPT-4o leicht genauer abschneiden (84,8 Prozent statt 80,8). Wer nur an Output denkt, hätte also ein Argument gegen Höflichkeit. Das Problem an dem Argument: Die KI ist nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema sind Sie und die Gewohnheiten, die sich aufbauen, wenn Sie täglich hundertmal kommandieren.

Fazit

Die KI ist Ihnen egal, sie wird es überleben, wenn Sie sie anschnauzen. Die interessante Frage ist eine andere: Wer sind Sie noch, nachdem Sie zehntausend Prompts geschrieben haben? Was Tey, Turkle, die Cambridge-Gruppe und das MIT Media Lab gemeinsam beschreiben, ist genau das. Die Kommunikationsmuster, die Sie mit der KI einüben, sickern langsam in Ihre Gespräche mit Menschen durch. Höflich zur Maschine zu sein geht deshalb nicht um die Maschine, und es ist auch keine Etikette um ihrer selbst willen. Es ist eine ziemlich praktische Form von Selbstpflege, und nebenbei macht es Sie zum präziseren Prompt-Schreiber.

Quellen

Jonas Baschung

Autor

Jonas Baschung

Digitalstratege und Webentwickler aus Bern und Biel. Hilft KMUs mit performanten Websites und messbarer Sichtbarkeit bei Google.

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